Mit jakobinischem Eifer versuchte Walter Grab, mich zum Atheismus zu bekehren. Ich wohnte im Europakolleg Tür an Tür mit ihm zusammen, und er nutzte die Gelegenheit, um vor allem meinem naiven Glauben an das Leben nach dem Tode hart zuzusetzen.
Was ist das Leben? fragte er mich, nachdem wir fast eine Nacht miteinander diskutiert hatten. Er nahm ein Streichholz aus der Schachtel, rieb es an der Reibfläche, entzündete es, steckte sich damit eine Zigarette an, und dann führte er das brennende Zündholz an den Mund und blies es aus. So, sagte er, das ist das Leben: ein Streichholz, das angezündet und kurz danach wieder ausgeblasen wird.
Ich gebe zu, dieses einleuchtende Beispiel für die Vergänglichkeit unseres irdischen Lebens ist mir lange im Kopf geblieben, auch als meine Freundschaft mit Walter Grab, dem jüdischen Historiker, längst an unseren ideologischen Differenzen zerbrochen war. Als ich viel später einen weiseren Lehrer gefunden hatte, erzählte ich ihm von dem Gleichnis mit dem Zündholz. Mein Imam schlug mir vor, darüber zu meditieren.
Ich reckte mich und streckte mich, und mit einiger Mühe gelang es mir, mich in die Lage eines Streichholzes hineinzuversetzen. Wenn ich nichts als ein Schwefelhölzchen bin, dann mußte es doch jemand geben, der mich anzündet und der mich am Ende meines kurzen Lebens wieder ausbläst. Und wenn ich nur ein kleines Stück Holz wäre, dann hab ich vorher in einer Schachtel gesteckt, und davor war ich ein Baum. Und weiter vorher ein Samenkorn.
Ich vertiefte mich in meine Streichholzexistenz und dachte über den Sinn meines kurzen Aufleuchtens nach. Gott, vergegenwärtigte ich mir, ist kein kleines Kind mehr, er spielt nicht zum Spaß mit Feuer und mit Streichhölzern. Er zündet dich nicht aus lauter Jux und Dollerei einfach an und bläst danach dein Lebenslicht gleich wieder aus. Er hat mit dir etwas vor. Vermutlich ist Gott Nichtraucher, er wird dich nicht zum Zigarettenanzünden brauchen. Gott braucht dich, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, zu etwas anderem. Er möchte mit dir eine Kerze anzünden, ein Licht, das in der Dunkelheit leuchtet. Dieser Gedanke beglückte mich. Doch als ich aus meiner Versenkung wieder aufgetaucht war, plagte mich neuer Zweifel. Was ist mit dem Leben nach dem Tode, wenn die Kerze entzündet und das Streichholz, dein Leib, erloschen ist und verworfen wird? Ich zerbrach mir den Kopf von neuem. Doch plötzlich rief mir meine innere Stimme ins Ohr. Du Esel, schalt sie mich, begreif doch. Du hast die Flamme entzündet. Du bist Licht geworden, Du brennst vor Sehnsucht nach Deinem Gott. Was, Seele, willst du mehr!
Um zum Ausgangspunkt meiner Betrachtung zurückzukehren: Walter Grab, der atheistische Eiferer, starb vor kurzem als frommer Jude in Israel. Wie sein großes Vorbild Heinrich Heine hat er, schon sterbenskrank, dem atheistischen Aberglauben abgeschworen und Gottes Erleuchtung erfleht.
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