Der Papagei als Wendehals

Mein Onkel Heinz und zwei Tanten väterlicherseits führten zusammen den Dorfladen. Natürlich waren meine Schwestern und ich im „Kaufhaus Peter Diedrich Schütt", das noch immer den Namen meines Großvaters trug, gern gesehene Gäste. Eine Kleinigkeit zu naschen bekamen wir immer zugesteckt, auch in den allererbärmlichsten Zeiten zu Ende des Krieges und danach. Aber die größte Faszination übte Lora auf mich aus, der Papagei, der zum Laden dazugehörte und jeden Kunden mit einem freundlich schelmischen „Heil Hitler" begrüßte. Über die Gesichter der meisten Dorfbewohner flog ein Lächeln, wenn sie Loras Stimme hörten. Die Nazis freuten sich, und die keine Freunde der Nazis waren, hatten auch ihre heimliche Freude, denn aus dem Hals des Paradiesvogels kam der Hitlergruß seltsam verfremdet.
Die Tage des Dritten Reiches waren gezählt, die Front rückte näher, und immer mehr Leute im Laden grüßten nicht mehr mit „Heil Hitler", sondern wieder mit „Guten Tag" wie in den Zeiten, bevor alles Unheil anfing.
Und dann rollten britische und amerikanische Panzer durchs Dorf, der Spuk war zu Ende. Die Leute wünschten sich gegenseitig wieder einen guten Tag. Nur Lora nicht. Er blieb stur und begrüßte auch nach der Wiedereröffnung des Ladens jeden eintretenden Kunden mit „Heil Hitler". Meine Tanten redeten auf ihn ein, versuchten ihm klar zu machen, daß sich die Zeiten geändert hatten. Doch Lora ließ sich nicht von dem abbringen, was er einmal gelernt hatte. Es wurde eng für ihn. Immer lauter dachten meine Tanten darüber nach, wie sie das lästige Tier los werden und sich auf diese Weise entnazifizieren lassen konnten.
Zwei Jahre waren seit Kriegsende vergangen, die Not war schlimmer denn je, und Lora krächzte immer noch seinen Nazigruß in den Laden. An einem sibirisch kalten Tag im Februar klopfte es spätabends an die Hintertür. Der Papagei rief laut: „Guten Tag! Guten Tag!" Onkel Heinz war überraschend und unangemeldet aus der britischen Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Er war nie Hitleranhänger gewesen, schon weil er wegen seiner geringen Körpergröße gar nicht in die großgermanischen Idealnormen paßte. Auch seinem Papagei hatte er nur den Guten-Tag-Gruß beigebracht, und so wußte das wendige Tier, als der kleine Kaufmann nach sechs Kriegs- und Gefangenschaftsjahren wieder zur Tür hereinkam, auf Anhieb, was die Stunde geschlagen hatte. Und fortan hat Lora alle Tage nur noch „Guten Tag" gekrächzt. Fast zwanzig Jahre lang.

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