Vor zwanzig Jahren, als das Militär wieder einmal putschte, um die Demokratie vor dem Kommunismus und dem Fundamentalismus zu schützen, wurde es in der Türkei ernst. Mein alter Freund Nasreddin Hodscha, Spaßmacher vom Dienst, beschloß, seine Zelte in Deutschland aufzuschlagen. Nachdem er zwei Jahrzehnte lang die Deutschen als Gastnarr unterhalten und es schließlich sogar bis zum Haus- und Hofnarren und zum Vorzeigetürken gebracht hatte, war er eisern entschlossen, sich um die begehrte deutsche Staatsbürgerschaft zu bewerben.
Nasreddin trällerte fröhlich „Dütschlünd übür üllüs", als er die ehrfurchtgebietenden hohen Stufen zum Amt für Einbürgerung gleich neben dem Landesamt für Verfassungsschutz bestieg. Er war angenehm überrascht, wie zügig dort die Einbürgerungsanträge bearbeitet und erledigt wurden. Als er gutgelaunt an die Tür des Amtszimmers klopfte, wurde er höflich gebeten, einzutreten und für ein paar Minuten Platz zu nehmen. So wurde er Zeuge, wie rasch es gehen kann, wenn ein einbürgerungswilliger Orientale die Aufnahme in den deutschen Staatsverband begehrt.
Der Mann, dessen Antrag vor Nasreddins Augen im Schnellverfahren erledigt wurde, sprach kein Deutsch, sondern versuchte sich in einer Sprache verständlich zu machen, die sich wie ein türkischer Dialekt anhörte. Es war kasachisch. Um Mißverständnisse zu vermeiden, hatte er einen Dolmetscher mitgebracht. Trotz der Übersetzungsprobleme dauerte es keine fünf Minuten, bis der Antragsteller seiner kasachischen Staatsbürgerschaft ledig und zum bundesdeutschen Vollwertbürger geworden war. Stolz hielt der eben Eingebürgerte, dessen Schnurrbart dem von Nasreddin bis in die weißen Haarspitzen hinein ähnelte, das Dokument in den Händen. Seinen ungültig gestempelten kasachischen Paß steckte er wie einen alten Wisch in die Manteltasche.
Dann wurde Nasreddin Hodscha aufgefordert, seinen Antrag vorzulegen und zu begründen. Sie möchten also auch den Doppelpaß? fragte die Sachbearbeiterin.
Doppelpaß ist Doppelspaß! erlaubte sich Nasreddin zu scherzen. Doch Frau Bolte verstand keinen Spaß.
Unsere Verfassung kennen Sie schon?
Ich kenne und liebe sie. Nasreddin zitiert Artikel Drei des Grundgesetzes: Alle Menschen sind ... gleich. Niemand darf wegen ... benachteiligt oder bevorzugt werden.
Frau Bolte nickte mit dem Kopf. Das haben schon viele gesagt. Und wie, Herr Hodscha, verhält es sich mit ihren Einkommensverhältnissen? Doppelpäßler sollten in der Regel auch Doppelverdiener sein!
Das ist doch klar, antwortete Nasreddin, wenn ich im Lotto gewinne, dann gewinne ich doppelt, erstens als Deutscher, zweitens als Türke, und als vaterlandsloser Zwischenstaatler zahle ich nirgends Steuern.
Und wie sieht es mit Ihrem Wohnraum aus? wollte Frau Bolte wissen. Reicht Ihre Wohnung überhaupt für zwei Pässe aus?
Nasreddin gab bereitwillig Auskunft. Meine Wohnung hat Platz für mich, für meine Frau, für meine Mutter und meinen Schwiegervater, für unsere drei Kinder und für zwei Katzen. Da dürfte noch genügend Platz übrig sein für meinen Doppelpaß.
Frau Bolte reichten die Angaben. Ihr Antrag, stellte sie fest, ist offensichtlich ganz und gar unbegründet.
Nasreddin nickte ergeben und bat die Sachbearbeiterin höflich: Erlauben Sie noch eine Frage?
Frau Bolte ließ die Frage zu.
Warum hat der Mann vor mir seinen Paß sofort bekommen? Warum stellen sie mir tausendundeine Frage und sagen am Schluß trotzdem:
Nein?
Die Sachbearbeiterin antwortete sachlich: Der Mann war Deutscher!
Aber, wandte Nasreddin ein, er sprach kein Deutsch.
Das tut hier nichts zur Sache. Er war deutscher Abstammung. Er hatte deutsches Blut in seinen Adern.
Wie unterscheidet man, wollte Nasreddin, der Spaßvogel, wissen, deutsches Blut meinetwegen von türkischem Blut?
Diesmal beliebte Frau Bolte zu scherzen. Das ist wie beim Bier. Deutscher Saft ist reiner.
Dann sollte ich mich mit Bier vollaufen lassen, damit mein Blut gründlich gespült und eingedeutscht wird. Diese Methode hilft bei mir nicht. Als Muslim trinke ich grundsätzlich kein Bier. Aber ich kann Ihnen gern ein Attest bringen. Ich hab nach meinem Unfall im letzten Herbst sieben Bluttransfusionen bekommen. Die haben mein Blut vollkommen ausgetauscht. Ich bin jetzt voll von deutschem Blut.
Nasreddin zog seinen Antrag zurück. Er hatte es plötzlich eilig. Auf dem Flur hoffte er, den Mann aus Kasachstan noch zu treffen. Doch der war nicht mehr zu sehen. Als Nasreddin seine Argusaugen umherschweifen ließ, fiel sein Blick plötzlich auf den Papierkorb. Dort entdeckte er den kasachischen Paß, den der Mann vor ihm in die Manteltasche gesteckt hatte.
Er zögerte nicht lange. Er holte sich den abgelegten Paß aus dem Abfallkorb und nahm ihn zu seinen eigenen Papieren. Er kannte zwar keine russischen Buchstaben, aber auf der Heimfahrt gelang es ihm immerhin, den Geburtsort zu entziffern: Karaganda, Kasachische Sowjetrepublik.
Zuhause trennt er sorgfältig das Blatt mit dem Ungültigstempel heraus. Drei Tage später stieg er die Treppen zum Amt noch einmal hinauf. Er klopfte an, und ihm wurde aufgetan. Dieses Mal betreute ihn eine andere Sachbearbeiterin. Sie war höflich und zuvorkommend. Nach einer Viertelstunde stand Nasreddin wieder draußen. In den Händen hatte er drei Pässe, einen deutschen, einen russischen und einen türkischen.
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