Eine Hosteß führte mich zu meinem Platz hinter die Bühne. Ich war noch geblendet von dem Scheinwerferlicht im Saal, daß ich Mühe hatte, mich im Backstage-Bereich zurechtzufinden und all die vielen VIPs zu erkennen, die sich im Verborgenen auf ihren großen Auftritt vor den Fernsehkameras vorbereiteten.
Neben mir saß eine Dame, die eine schwarzrotgoldene Schärpe trug. Ich vermutete, sie müßte etwas mit Politik zu tun haben und sei vielleicht die Bürgermeisterin von Troisdorf, jener Bonner Vorstadt, in deren überproportionalisierter Stadthalle das Event des Jahres über die Bühne ging: die Verleihung des „Diamanten", des Preises für zwölf Nachwuchsstars aus allen Sparten.
Ich wollte nicht unhöflich sein und sprach deshalb meine Nachbarin an. Von welcher Partei sind Sie denn, wenn Sie die Frage erlauben? Die Antwort kam ziemlich schroff: Ich bin Miß Germany!
Mir verschlug es die Sprache. Ich war über mich selber erschrocken, über mein mangelndes Nationalgefühl und darüber, daß ich offenbar schon so alt geworden war, daß ich die leibliche Gegenwart einer leibhaftigen Schönheitskönigin an meiner Seite nicht bemerkt hatte. Ich bat um Verzeihung.
Dann wurde ich auf die Bühne gebeten, um als Lau-dator in drei Minuten die Gemälde meines Malerfreundes Davood Roostaei, eines der preisgekrönten Künster, über den grünen Klee zu loben. Es ging leidlich gut, trotz der vorgerückten Zeit. Nach mir hatte die verkannte Schönheitskönigin ihren großen Auftritt. Sie sollte zugunsten der Aidshilfe eine Lederjacke versteigern, die Michael Jackson eigens für diesen Anlaß gespendet hatte. Sie streifte sich das kostbare Stück so über, daß dabei auch ihre königlichen Reize zur Schau kamen, und dann sagte sie verheißungsvoll: Diese Jacke von Michael Jackson ...
Doch sie wurde jäh von einem Zwischenruf unterbrochen: Die ist von Karstadt! rief jemand, der vielleicht nicht mehr ganz nüchtern war, aus dem Publikum hinauf zur Bühne. Miß Germany war so aus der Fassung und aus ihrem Konzept gebracht, daß sie ihre Versteigerung abbrechen mußte. Schade nur, daß bei der Fernsehaufzeichnung, die eine Woche später ausgestrahlt wurde, ausgerechnet diese Episode nicht zu sehen war.
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